Chess unplugged

Liebe Schachfreunde, diesen Hingucker habe ich dem neuen Schachkalender 2012 entnommen, wo sich Silvo Lahtela, ein deutscher Autor und Schachspieler auf Meisterniveau, seine Gedanken über die Rolle des Computers im heutigen Schach macht. Bis 2004 war Silvo schachlich aktiv und hatte 2236 Elo-Punkte erreicht, ein Spieler also, der unsereinem jederzeit im Seniorenturnier bei unverkürztem Schweizer System begegnen kann.

 

 

Der Titel ist offenkundig der Musikszene entlehnt. Wahre Musikfreunde bevorzugen Musik ohne Verstärker, behaupte ich mal. Unser unvergessener Schachfreund und Opernsänger Carlo konnte einen ganzen Festsaal mit seiner natürlichen Stimme ohne Mikro zum Vibrieren bringen.  Mein Trierer Lieblingsbarde Walter Liederschmitt - genannt Wohltär - begeistert mich mit moselfränkischen Rhythmen vornehmlich, wenn er Verstärker und Elektronik im Keller lässt; er muss zu meinem Leidwesen aber häufig Zugeständnisse an bereits angetaubte Ohren machen.


Den Lautsprecherboxen mit Verstärker entsprechen beim Schach die Computer. Im heutigen professionellen Schach ist die computerunterstützte Eröffnungsvorbereitung so dominant geworden, dass von Spielen oft nicht mehr die Rede sein kann, beklagt Lahtela bitter. Mentales Kopieren von Eröffnungsvarianten wird mit Begriffen wie „häusliche Vorbereitung“ oder „Eröffnungsrepertoir“ umschrieben. Spontanität und Kreativität sind vom Fidemeister an aufwärts eher ein Nachteil: Nicht der Bessere gewinnt, sondern der Fleißigere. Wenn Kramnik & Co im Damengambit die ersten 20 Züge abspulen, gähnt der Fachmann und nur der Laie wundert sich noch. Der einstige Glanz des Schachs als königliches Spiel, in welchem unterschiedliche geistige Vorstellungswelten in fairem Wettkampf am Brett aufeinander prallen, ist gegenwärtig eher verblasst, die Medien spötteln und die Sponsoren ziehen sich zurück. Soweit der in Finnland geborene Lahtela.

 

Da lobe ich mir das Spiel in der A-Klasse, nicht weil die Trauben zu sauer sind, sondern weil ich mit Reti, Skandinavisch und Holländisch auskomme, wenn ich jeweils die ersten 5 Züge verinnerlicht habe, die Bedeutung des Läuferpaars verstehe,  stets den richtigen Turm ziehe und besonders die stillen Zwischenzüge beachte. Solche Regeln sind im Zitatenschatz unserer Homepage als Merkverse nachzulesen. Daneben finde ich noch Zeit, so manches Buch zu verkosten, zum Beispiel den Schachkalender 2012 oder Die Sieben Todsünden des Schachspielers, die aus dem katholischen Schottland ihren Weg zu mir fanden.  

 

Die Missachtung schachlicher Sekundärtugenden muss natürlich nicht so weit gehen wie beim Koblenzer Schachfreund und Webmaster Rolf Graw, den Gerhard und ich im letzten Bertricher Seniorenturnier etwas näher kennen lernten. Nachdem Rolf uns bei einem der zahlreichen Siegesessen in der Moccamühle das Du angeboten hatte, plauderte er ein wenig aus dem Nähkästchen. So überraschte er uns mit der Bemerkung, dass die Mannschaftskämpfe in der Kreisklasse auf vielfachen Wunsch am Samstagabend ausgetragen würden. Wir protestierten ungläubig, doch Rolf schob umgehend die Begründungen nach. Erstens sei der Sonntag für die Familie - vielleicht auch für den Kirchgang - gerettet, doch wichtiger sei der Aspekt der Geselligkeit. Denn nach dem Spiel fahre man gemeinsam zum Abendessen, wo  in entspannter Runde über Gott und die Welt diskutiert würde. Auf unsere fragenden Blicke meinte Rolf, schließlich dauerten die Spiele in der Kreisklasse selten länger als 2 - 3 Stunden, und um die Zeit gebe es noch genügend offene Lokalitäten im Koblenzer Raum. Dieser Spielmodus sei so beliebt, dass auch manch Zweitausender es vorzöge, in der Kreisklasse zu spielen.

 

Ich mag es immer noch nicht glauben, zumal der Begriff Kreisklasse im aktuellen Ergebnisdienst nicht mehr auftaucht, aber Gerhard ist mein Zeuge. Nun bin ich vielleicht etwas vom Thema abgekommen, vielleicht auch nicht, möchte aber zum Schluss auf keinen Fall versäumen, den Schachkalender 2012 wärmstens zu empfehlen. Übrigens wäre der idealtypische Unplugged - Spieler Dr. Emmanuel Lasker heute laut Kalender 134 Jahre alt geworden.

 

Helmut Giering, 24. Dezember 2011